2019, Blog

11 12 13 ? 17 ?

Artikel 11, 12 und 13 bewegen die Gemüter. Die Verwirrung wird demnächst perfekt, weil die Artikel alle in der endgültigen Fassung angepasst werden. Aus 13 wird dann 17. Ich nutze die alte Schreibweise aber hier weiter.

Wenigstens in der Branche der Kreativen, der Verwerter, betroffenen Konzernen und Menschen, die viele Stunden pro Monat Unterhaltung konsumieren, hat die Urheberrechtsrichtlinie ordentlich Wirbel verursacht. Doch was hat es mit dem umstrittenen EU-Urheberrecht auf sich? Wird das Internet zerstört? Werden Memes sterben? Werden Zensur und Abmahnung die Tagesordnung bestimmen? Wird Youtube abgeschaltet? Oder ist es ein hilfloser Schrei einer Generation die von links nach rechts wischen kann, aber das Spielen und Basteln mit Holzklötzchen aufgrund fehlender motorischer Fähigkeiten in den Händen verlernt hat?

Eines ist sicher: Ein durchaus großer Teil derjenigen, die das Internet täglich nutzen, sehen besorgt in die Zukunft. Artikel 13 könnte die Kreativwirtschaft gefährden, heisst es. Nutzergenerierte Inhalte, ob privat oder kommerziell, könnten durch automatische Prozesse auf großen Plattformen in Zukunft durchfallen. Uploadfilter müssten eingesetzt werden, um den Ansprüchen der Richtlinie gerecht zu werden. Wird urheberrechtlich geschütztes Material verwendet, für das keine Lizenz gegeben ist, muss gelöscht oder gesperrt werden. Was passiert bei fehlerhafter Erkennung? Offen. Ob die großen Plattformen bereit sind in der jetzt geltenden Form weiter oder in anderer Art und Weise Geld an Verwerter zu bezahlen, ist auch offen. Ausrechnen kann man sich aber, dass es weniger neue kreative Plattformen für nutzergenerierte Inhalte geben wird. Die Hürden sind zu hoch. Bestehende Globalplayer werden ihre Marktmacht ausbauen. Urheber werden große Verwertungsgesellschaften benötigen, um anteilig entlohnt zu werden. Ein blöder Zustand wird festgeschrieben. Vielfalt könnte sich verringern. Urheber weniger verdienen. Kreative müssten höheren Aufwand betreiben und sich die Frage stellen, ob die Arbeit noch Sinn macht. Selbst Konsumenten könnte es durch höhere Kosten (wie immer die aussehen) zur Kasse bitten.

Im Einzelnen:

Ein besonderer Streitpunkt ist Artikel 13. Sollte es zum Erfolg kommen, werden Plattformen wie YouTube für urheberrechtlich geschütztes Material haftbar gemacht. Deshalb würden Plattformen Verträge mit Inhaltsproduzenten oder Rechteverwertern abschließen müssen und diese an den Einnahmen aus der Werbung oder Abonnements beteiligen. Alternativ den radikalen Schritt gehen und schließen. Der vermutete Schritt ist ein Uploadfilter, der das Hochladen verdächtiger Inhalte blockiert. Das Content-ID-System von Youtube in härterer Form.

Artikel 12 ist eher interessant für Urheber. Der Bundesgerichtshof hatte 2016 entschieden, dass Verleger keinen Anspruch auf Auszahlungen von Verwertungsgesellschaften haben. Das Geld steht nur den Urhebern zu. Mit Artikel 12 wird diese Regelung wieder gekippt. Der Verband der Freischreiber protestierte bereits und nennt es die Enteignung der Autoren und Urheber. Das ist grundsätzlich nicht verwunderlich. Im Kapitalismus profitiert nie derjenige, der die Arbeit macht.

Ein weiteres Problem kann Artikel 11 werden. Er kann Webseiten dazu verpflichten, eine Abgabe an Webseiten zu zahlen, auf die sie verlinken. Auf kowabit würde es meinen RSS-Reader treffen (rechtes oberes Menü). Auch Links innerhalb von Beiträgen wie diesem hier, wären ein Risiko. Artikel könnten deshalb in Zukunft anders aussehen. Nur ein Beispiel: Wer einen Link innerhalb eines Artikels haben will, müsste mich dafür bezahlen. Rechnungsgrund: Verlinkung. Jeder Artikel mit einer bezahlten Verlinkung wäre Werbung und müsste als gesponsort markiert werden. Durch so eine Rechnung wäre ich sicher. Andersherum für Google als Suchmaschine. Für Google würde es bedeuten dafür bezahlen zu müssen, Nachrichten und andere Websites in seiner Suchmaschine aufzulisten. Verdrehte Welt. Oder Google-Ads wird das neue Google. Vor 20 Jahren nannten wir das Linkverzeichnis. Eines, wo man für die Aufnahme bezahlen muss. Anmerkung: Dieses Recht gilt eigentlich bereits in Deutschland. Wird nur nicht umgesetzt. Wahrscheinlich hat sich ein Befürworter mal zufällig mit einem Admin unterhalten. Soziale Kontakte zur Unterschicht sind manchmal hilfreich. 😉

Ich werde meinen RSS-Reader leeren und einzeln bei den Webseiten die ich per RSS-Feed verlinke, um Erlaubnis bitten. Der Nutzungsgrad ist nämlich ziemlich hoch. Das ist für mich natürlich Arbeitsaufwand den mir niemand bezahlt. Das Einfachste wäre die Deaktivierung. Ich habe Euch aber lieb, deshalb werde ich mir die Arbeit machen. Auch zum eigenen Schutz.
Verlinkungen innerhalb von Artikeln würden nach dem 26.03.2019 in neuen Artikeln nicht mehr zu finden sein, wenn es nicht ein Link direkt zu einer Pressemitteilung oder einer Webseite ist, die mir das kostenfrei erlaubt. Auch das wird den Aufwand vergrößern. Wahrscheinlich muss ich dann die freiwilligen Spenden, die Ihr mir überweist, erhöhen. *grins*

Bereits im Jahr 2018 stimmte das Europäische Parlament gegen eine neue Urheberrechtsrichtlinie, die den besonders umstrittenen Artikel 13 enthielt. Der besonders eifrige Abgeordnete Axel Voss arbeitete aber fleißig weiter, um ihn dennoch durchzusetzen. Dank seiner Arbeit hat sich der Hashtag #niewiedercdu etabliert. Da sei provokant angemerkt: #hatjemalsjemandausderinternetgemeindecdu ?

Der Vorwurf eine Zensurinfrastruktur zu etablieren, ist durchaus sehr hart. Aber sollte ein effektiver Uploadfilter irgendwann existieren, ist ein solches Szenario nicht auszuschließen. Wer weiß schon welche Schnappsnasen und Spendenbetrüger uns jemals regieren? Oder zensieren wir uns demnächst einfach freiwillig?

Memes, Remixe, Parodien, andere Beiträge, die fehlerhaft erkannt werden, Beiträge privater Leute, die im Hintergrund geschütztes Material (bspw. Radio) laufen haben, könnten von den großen Plattformen verschwinden. Aber nicht nur dort. Diese Regeln gelten für alle profitorientierten Plattformen. Mindestens Blogs und Webseiten mit Werbebanner sind betroffen. Profitorientiert ist man ganz schnell.

Unterstützt wird die Reform nicht nur von Verwertern, sondern auch von Künstlern und Verlagen. Der Hauptkritikpunkt Richtung Google/Youtube ist der Vorwurf mit der kreativen Leistung anderer Geld zu verdienen, ohne sie angemessen zu beteiligen. Ebenso die Vorwürfe im Grunde illegale Aktivitäten zu unterstützen, indem geschützte Inhalte von Nicht-Urhebern ungeprüft veröffentlicht und monetarisiert werden, kann man finden. Stimmt das denn eigentlich?

Ja. Stimmt.

Überrascht?

Der Vorwurf ist legitim.

Ihr erinnert Euch sicher an kinox.to ? Die Betreiber und die Betreiber der Vorgängerportale haben illegal Serien und Filme und Musik unerlaubt angeboten und mit Werbebannern Geld verdient. Und sie wurden regelrecht verfolgt. Youtube hat das perfektioniert. Der Streit mit der GEMA. Die Content-ID. Das sind Ergebnisse, die dazu geführt haben, dass Youtube Einnahmen teilen muss. Mit der Richtlinie und Artikel 13 wird nun versucht, noch mehr aus der Zitrone auszupressen. Gesellschaftlich wundert mich das jetzt nicht.

Gerade was Youtube betrifft und die Verwertung von Musik und Videos, bin ich deshalb persönlich etwas gleichgültig. Wenn ich Musik mache, dann möchte ich nicht, dass andere Leute damit Geld verdienen, die nicht Teil der profitorientierten Verwertungskette sind. Sollte selbstverständlich sein. Das betrifft auch die Urheber von Videos und Filmen. Ich gehöre auch zu denen, die für Inhalte bezahlen. Ich streame The Orville (das neue Star Trek) legal. Und das neue Star Trek Discovery auch. Letzteres ist zwar irgendwie nicht in der Lage mich zu fesseln, aber egal.

Grundsätzlich sehe ich persönlich keinen Unterschied zwischen Portalen wie kinox.to und youtube, wenn es um das Geldverdienen mit fremden Inhalten geht und keine Beteiligung der Urheber erfolgt. Das mag jetzt hart klingen, aber ich bin da pragmatisch. YouTube ist keine Wohltätigkeitsorganisation. Facebook und Twitter auch nicht. Die verdienen Milliarden. Und jeder Anspruch von Urhebern verringert deren Einnahmen. Das gefällt niemandem aus den Reihen der Millionäre und Milliardäre.

Die Auswirkungen der Urheberrechtsreform auf eine demokratische Gesellschaft mit offenen Kommunikationskanälen sind jedoch das entscheidende Problem.

Urheberrechtlich geschützte Werke, deren Weiterverarbeitung innerhalb von Kritik, selbst Lob, Satire oder Berichterstattung gesellschaftlich wichtig oder interessant wäre, geht dann nicht mehr, wenn alles konsequent umgesetzt wird. Die Buchbesprechung einer kritikwürdigen bspw. rechtsradikalen Hetzschrift wäre eigentlich unmöglich. Die Gerichte haben noch nicht genug zu tun.

Der Austausch von Wissen und Nachrichten wird sich verschlechtern, weil Verlinkungen verschwinden. Stellt Euch mal Twitter oder Facebook ohne eingebetteten Fremdinhalt vor? Die sind doch tot. Mir zwar egal, aber im Grunde ist die Bequemlichkeit des bisherigen Konsums vorbei, wenn diese Konzerne nicht bereit sind die Geldbörse auf zu machen. Die Urheber und Verleger betrifft es aber auch. Die begreifen das aber irgendwie nicht. Wie ich bereits geschrieben habe, werde auch ich mich einschränken und eine andere Strategie wählen. Eine Strategie der Umgehung. Wenn ich also nicht mehr auf Presseartikel von Richtlinienunterstützern verlinken will, verlinke ich auf andere Berichterstatter mit der gleichen Story, die mir das erlauben. Ich bin da völlig entspannt, auch, wenn es mehr Arbeit bedeutet. Und natürlich habe ich Interesse, dass andere Leute auf mich verlinken. Hier kommt dann aber das Problem. Ohne meine direkte Erlaubnis dürfte das eigentlich niemand tun, weil er dann das Risiko einer Abmahnung trägt. Wenn ich das pauschal erlaube, verlinkt mich am Ende ein Richtlinienunterstützer und zitiert noch daraus ohne mich an seinen Werbe- oder Abonnementeinnahmen zu beteiligen.  😉 Irgendwie doof, wenn Axel erst eine Erlaubnis benötigt, um über Kowas guten Inhalt zu schreiben. Hilfreich, wenn Kowa gar nicht will, das Axel ihn vielleicht kritisiert. Passt aber zu den Offlinepolitikern aus der konservativen Ecke. Schreibe nur Gutes über mich, oder ich mahne Dich ab. Zensur?

Mit #SaveYourInternet wurde in den vergangenen Monaten eine Kampagne gestartet, um die Richtlinie in der Form zu verhindern. Es gab aber noch einige andere. Wirkliches Interesse hat es bei der Mehrheit der Menschen aber nicht geweckt. Wer sich nur mit Unterstützern getroffen und ausgetauscht hat, wird was anderes glauben, aber die eigene Filterblase täuscht. Die Richtlinie wird beschlossen. Ich lege mich da fest. Der Protest ist nämlich zu schwach und für die Mehrheit der Menschen nicht wichtig genug. Entweder aus Desinteresse oder weil sie es nicht verstehen.

Unabhängig von der Kritik an den großen Konzernen wird ein Stück Freiheit in Europa zu Grabe getragen. Wenigstens wissen wir aber wer es war.

Vielleicht bietet sich aber auch eine Chance für diejenigen unter uns, die wirklich 100% eigene Inhalte produzieren. Sie wären etwas besonderes und könnten mit Qualität punkten, die wir im Trashzeitalter manchmal vergebens suchen.

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