2020, Blog

Der Klarnamenzwang

Auf netzpolitik.org findet man noch einen alten Beitrag aus 2018 zum Thema Klarnamenzwang. Eine Liste mit Gründen warum wir keine Klarnamenpflicht im Internet wollen (sollten). Die Liste ist immernoch gut und kann durchaus für Diskussionsrunden spannend sein. Doch warum wollen einige Kräfte Klarnamen erzwingen? Und warum hat sich in den letzen Jahren nichts am Zustand der Debattenkultur geändert?

Es geht in der Regel um Hetze im Internet. Im letzten Jahr wurde mehrfach aus Unionskreisen für einen Klarnamenzwang plädiert. Kann man fordern. Muss man nicht. Das zu verhindern, sind alle Internetnutzer gefordert.

Doch warum finden wir im Internet eigentlich immer mehr und immer noch ungezügelte Hetze, Hass und sprachliche Gewalt als uns täglich im realen offline Dasein entgegenkommt? Wenn man sich die Kommentarspalten oder spezielle Posts in sozialen Netzwerken anschaut, dann stapeln sich aggressive oder völlig abstruse Äußerungen. Wer schon mal auf dem Hetzblog pi-news.net oder der sehr konservativen welt.de die Kommentare bei ganz speziellen Themen durchforstet (Migration, Linke Szene etc.) wird unweigerlich auf derartige Äußerungen stoßen. Vieles grenzwertig, aber sehr vieles auch inhaltlich falsch. Linksradikale Posts sind aber auch nicht besser.

Und gerade, wenn manchein Nutzer falsche Dinge behauptet und sich aufgrund falscher Tatsachen eine Diskussion noch mehr steigert oder so ein Beitrag unbearbeitet stehen bleibt, ist der Schaden schon angerichtet.

Ein Klarnamenzwang wird das Problem nicht richten. In Südkorea wurde er bereits 2007 erzwungen, hat nichts verbessert und wurde wieder einkassiert.

Lösen kann das nur jeder Mensch für sich alleine oder durch Einflussnahme auf sein Umfeld. Wer auf eine Behauptung oder Äußerung stößt, die ihn aufwühlt, aufregt oder wütend macht oder nur interessiert, muss sich verpflichtet sehen die Hintergründe selbst zu recherchieren. Auch zur eigenen Sicherheit bzw. zum eigenen Seelenheil. Wer aufgrund falscher Tatsachen entsprechend falsch handelt, kann seine Hände nicht in Unschuld waschen. Das mag einige vielleicht beleidigen, aber wer schnell an die Deck geht, sollte wie ein kleines Kind an die Möglichkeiten der Recherche und Prüfung von Dingen herangeführt werden oder sich selbst heranführen. Der Umgang mit Informationen muss erlernt werden. Im wahren Leben sollten wir auf selbstverschuldete Krisen verzichten wollen, denn das Leben sollte nicht wie eine gute Fernsehserie sein: Wenn zwei von drei Akteuren die Wahrheit nicht kennen, treffen sie falsche Entscheidungen. Wären alle auf dem richtigen Stand, gäbe es keinen Konflikt, keine Spannung und damit kein Netflix.

Statt Löschpflicht in sozialen Netzwerken wäre es wohl sinnvoller, wenn bspw. gemeldete Beiträge auf Richtigkeit geprüft werden und eine redaktionelle Korrektur (bspw. mit Recherchelink) statt Löschung erfolgt. Würde jeder Nutzer der falsche Tatsachen behauptet einen Art Minus-Score erhalten, könnten zukünftige Beiträge gleich besser eingestuft werden, ohne dass zensiert werden muss. (PS: Das soziale Ranking in China geht aber zu weit.)

Als Beispiel lohnt sich der Blick bspw. in den eigenen Bekanntenkreis. Stellt Euch vor Ihr würdet mit zehn Leuten am Tisch sitzen und eine Person behauptet etwas völlig Falsches. Einer korrigiert ihn, die anderen Acht googeln es nach. Die Aussage wird für alle nachprüfbar korrigiert und der Betroffene wird den Zwang der Gruppe keine falschen Aussagen mehr zu treffen irgendwann verinnerlicht haben. Sollte die Person das nicht, sitzen möglicherweise bald nur noch neun Personen in gemütlicher Runde.

In Internet gibt es das nicht. Ist die Person online unterwegs und wird nicht korrigiert, erzielen wir dort keinen Entwicklungserfolg. Jedenfalls nicht für die Kommentarspalten und Diskussionen von Privatpersonen. Manche Initiativen versuchen Fakenews offenzulegen, was jedoch von der Masse kaum wahrgenommen wird. Soziale Netzwerke löschen. Zwar ist das Löschen die schnellste Lösung, aber schnell ist eben nicht nachhaltig.

Bevor es den Zwang zum Klarnamen gibt, sollten die Menschen die Bereitschaft zeigen die sie aufwühlenden Themen selbst zu recherchieren und sich Behauptungen anderer fremder unerkannter Personen nicht zu Eigen machen. Das ist IMHO die beste Lösung, denn die Diskussion zur Einführung einer Klarnamenpflicht ist nicht vorbei.

Und Ja, aufgrund der Informationsflut der wir ausgeliefert sind, dem Misstrauen gegenüber politischen Vertretern und Presseorganen, wird es nicht leichter mit der Orientierung und Wahrheitsfindung. Aber ich denke das ist Grund genug auf sich selbst zu vertrauen und sich aktiv selbst zu informieren.

 

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