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Der Riese aus Asien (Update 19.02.2019)

Amazon ist in der Regel jedem von Euch ein Begriff. Ihr geht online, sucht Euch das Produkt Eurer Wahl und wenige Tage, je nach Kundenstatus auch noch am selben Abend, kommt die Lieferung per Paketdienst. Die Waren kommen einerseits aus Lagern in Deutschland oder durch Händler direkt, die an Amazon angeschlossen sind. Die Preise sind oft unschlagbar. Doch es gibt Konkurrenz. Einen Riesen aus Asien. China. AliExpress.

AliExpress ist der Albtraum für den heimischen Handel. Wahrscheinlich noch schlimmer als Amazon. Doch der Handel, die Industrie und Politik tragen dafür selbst die Verantwortung.

Streifzüge durch hiesige Geschäfte und anschließende Recherchen zeigen die Realität. Welches Produkt in unseren Läden kommt eigentlich nicht aus China oder angrenzenden asiatischen Staaten? Produzieren wir in Europa eigentlich nur landwirtschaftliche Produkte? Alles andere, auch die Autoindustrie, scheinen verschwunden oder im Verschwinden begriffen zu sein.

Wer durch einen Baumarkt streift, ein Elektronikgeschäft oder ein Bekleidungsgeschäft stößt schnell auf Made in China. Hat schon mal jemand von Euch das Produkt vor dem Kauf in einem Geschäft oder Onlinehändler beim chinesischen Konkurrenten gesucht? Es würde viele von Euch, die bisher nicht in China eingekauft haben, überraschen.

Die Werbebeilagen in den Wochenzeitungen sind eine gute Möglichkeit. Eine Einzelhandelskette bietet bald Elektrostimulationszeug zur Muskelbildung an. Statt 59 € nur 29 €. Wow. Bei AliExpress zw. 6 € und 15 €. Versand: Kostenlos.

Kleidung, egal was, ist schnell bei AliExpress bestellt. In der Regel günstiger als in deutschen Landen. Günstiger als in den meisten Sales. Ein T-Shirt in trendigem Design? Mit 3 bis 5 Euro ist man dabei. Es geht aber auch teurer, wenn man will. Versand? In der Regel kann man es kostenlos erhalten. Der Testkauf eines Trainingsanzuges offenbarte ein Größenproblem. Ein 4XL-Anzug in asiatisch gleicht einem L in Europa. Schwankt aber auch von Anbieter zu Anbieter. Man muss auf die Größen achten, aber Infos bieten die Händler an. Sportanzüge? Kleider? Alles kein Problem.

Technik? Nun, wie wir wissen kommt so gut wie jede Technik aus China. Also ist das Angebot dort auch entsprechend hoch. Bei meinem Recherchen habe ich festgestellt, dass ich mir dort kein Smartphone bestellen würde. Oft gibt es Unterschiede und fehlende Eigenschaften für den deutschen Markt. Manche, bspw. Huawei-Smartphones für den chinesischen Markt, unterstützen nicht alle LTE 4 Funkbereiche in Deutschland. Wenn man sich nicht informiert, wird es unter Umständen frustrierend. Einige mobile Geräte haben grundsätzlich chinesische Image installiert. Um eine globale Version zu erhalten, öffnet der Händler das Paket und bespielt es manuell. So viel Vertrauen habe ich nicht. Ein weiteres Beispiel beschreibe ich hier. Technik mit in China installiertem Betriebssystem kommen für mich daher nicht in Frage.

Computer? Kein Problem. In Hülle und Fülle. Preise? Spottgünstig. Ich habe aus reinem Interesse nach Firewallhardware gesucht. Mit den Neujahrsangeboten wäre eine Hardware für Heimnutzer mit ca. 76 € für Minibauweise, 2x GB LAN, 2 GB Ram und Celeronprozessor günstig zu schießen. Versand? Kostenlos. Vergleichbares in Deutschland? 150 bis 250 €. Manchmal bieten sie an ein gecracktes Windows aufzuspielen. Das machen wir natürlich nicht.

Wer Kinder hat, kauft vielleicht wie ich gerne Lernspielzeug oder Bastelzeug. Wenn ich in ein Spielzeuggeschäft gehe, dann schwitzt hier aber die Hand. Die Preise sind hier brutal. Eltern wissen was ich meine. Aber AliExpress? Ähnliche Produkte oft 70 bis 90 Prozent günstiger. Selbst mit Versandkosten.
Ich habe mich dafür entschieden mal Magnete einzukaufen. Damit kann man tolle Sachen basteln. Onlineshops in Deutschlands waren für ausreichend Masse unbezahlbar im Vergleich zu AliExpress. Bspw. runde Magnete mit 4x1mm Größe. Also kleines Zeug. In Deutschland bspw. 23 Cent pro Stück. Bei Ali: 99 Cent für 50 Stück. Gute 10 € gespart. Versandkosten aus China? Keine. Deutschland? Ohje. Und es handelte sich nicht um diese Ferritmagnete, sondern Neodym. Also starkes Zeug.

Beim Durchstreifen eines lokalen Bastelgeschäftes stoße ich bspw. auf ein kleines metallisches Plättchen zum Ohrringebasteln für Mädchen. Stückpreis 2,99 €. Deftig. Bei Ali wären für diesen Preis 100 Stück dringewesen. Und die Ohrringstecker? Bei Ali 2 € für 200 Stück. Im Geschäft hätte diese Menge 30 € gekostet. Für die eigenen Kinder ist zwar nichts zu teuer, aber wenn man die Einkaufspreise aus Asien kennt, dann überlegt man es sich zweimal.

Solarautos zum Selberbauen (Basteln, nicht für die Straße). In Deutschland zwischen 10 € und 50 €. Etwa so groß wie eine Kinderhand oder kleiner. Bei Ali? Höchstens 2  €. Auf ebay versuchen einige Zeitgenossen ihr Glück im Weiterverkauf derartiger Produkte zu kleineren Preisen. Aber auch dort ist alleine der Versand teurer als das Produkt direkt beim Hersteller.

Oder wer hat nicht schon mal mit Möbelfolie seine Möbel neuer aussehen lassen? In deutschen Baumärkten zwei Meter Folie im günstigen Fall für acht Euro. Bei Ali? Zehn Meter für sieben Euro. Was brachte der Vergleich beider Produkte? Deutsche Folie dünn und schlecht klebend. China? Stärkeres Material, starke Klebekraft, weniger Bläschen. Gut kopiert? Bessere Produktion in Fernost? Der Endkunde entscheidet.

Selbst die Billigketten in deutschen Einkaufsstraßen, die mit 1 € – Produkten Werbung machen, müssen mit ihren billigen Made in China Angeboten gute Gewinne einfahren. Im Vergleich zu allen anderen Anbietern haben sie die besten Preise in Deutschland. Vor allem, wenn man als Endkunde wegen eines anstehenden Kindergeburtstages Masse benötigt.

Vor wenigen Wochen ist mir verstärkt Werbung für Armbanduhren aus Holz aufgefallen. Hier zur Googlesuche. Bspw. ein Modell mit über 200 € das Stück für den Herren. Die Uhren gibt es bei Ali schon lange. Für unter 1 € bis 30 €. Bei Alibaba, dem AliExpress für Geschäfte, auch mit eigenem Logo und natürlich noch billiger. Manchmal muss man sich hier bei uns einfach auf dem Arm genommen fühlen.

Ich habe 40 Testbestellungen in China gemacht. Alles Kleinkram. Meist unter 3 € in einem Paket. Ca. 100 € über drei Monate ausgegeben. In Deutschland hätte mich die Ware ca. 1.000 € gekostet. Deftig, oder?

Mit den Händlern steht man schnell in Kontakt. Sie antworten in der Regel schnell. Die falsche Größe bestellt? Einfach anschreiben. Sie korrigieren die Bestellung und versenden. Es gibt natürlich auch schlechte Beispiele.

Nach Angaben der Post gehen täglich 50.000 Pakete aus China an deutsche Haushalte. Die Freunde aus Asien schummeln dabei auch. Versenden Ware an Unternehmen in der EU, die weniger oder keinen Zoll zahlen müssen. Manchmal bekommt man den Hinweis, dass die Ware auch aus einem europäischen Lager versendet werden kann. Der Versand aus China dauert natürlich länger als bei Amazon oder anderen Onlineshops. Zwei Wochen, vier Wochen. Der Kunde muss das einberechnen. Aber für Ersparnisse bis zu 90%? Wer seine Einkäufe plant, kann profitieren.

Die fehlenden Mehrwertsteuereinnahmen im Staatssäckle sind die andere Sache. In der Regel ist das Paket aus China bis 22 € zollfrei. Für Einkäufe über 150 € könnte der Preis mit Einfuhrumsatzsteuer und Mehrwertsteuer um 30% steigen. Die Webseite des Zolls gibt Info. Könnte, habe ich mit Absicht geschrieben. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass der deutsche Zoll jedes Paket prüfen kann. Meine Testbestellungen waren vom Zoll behandelt worden, aber immer als zollfrei deklariert. Nicht einmal geöffnet. Ob durchleuchtet? Keine Ahnung. Vielleicht weiß das ja jemand von Euch? Ich bin immer unter 22 € geblieben. Dazu kommt, dass ich festgestellt habe, dass auf den chinesischen Sendungen falsche Angaben stehen. Der außen angebrachte Warenwert wurde bei mir immer nur zu einem Bruchteil dessen, was ich bezahlt habe, angegeben. Selbst, wenn das Produkt 8 € kostet, stand dort 2 $ oder weniger. Auch die Produktbezeichnungen waren oft falsch. Magnete gekauft? USB-Kabel stand drauf. Am Ende trägt der Besteller hier jedoch das Nachzahlrisiko. Bei Ersparnissen um 90% könnte ein Kunde jedoch dieses Risiko eingehen wollen.

Ein Bekannter erzählte mir, er muss öfter mal zum Zoll und nachzahlen. Aber selbst die Fahrt zum nächsten Zollamt und die nachzuzahlenden Steuern bringen immer noch 50% Ersparnis. Die Zwischenhändler und Großhändler stehen nämlich nicht zwischen dem Endkunden dem Zoll und AliExpress. Wenn man sich mit den Angeboten bei den großen Discountern oder den großen Ketten auseinandersetzt und immer eine Recherche bei AliExpress macht, stellt sich unweigerlich die Frage: Warum Geld beim Zwischenhändler lassen, wenn es auch anders geht? Und vor allem: Wenn in Deutschland fast alle nur noch Zwischenhändler sind, was passiert, wenn die Mehrheit der Bevölkerung diese Händler in Zukunft überspringt?

Heben wir das Thema mal auf die politische Ebene.

Jahrzehnte verteidigt die Wirtschaft und die von Ihr bezahlte Politik die Globalisierung. Sie ermöglicht bis heute westlichen Konzernen durch brutale Ausbeutung im asiatischen Raum günstig Produkte herzustellen. Diese Produkte werden dann hier teurer verkauft. Nicht selten mit sehr frechen Preisen. Die Arbeitnehmer*innen in Asien haben davon nichts.

Mit AliExpress und anderen Onlinehändlern ist die Globalisierung jedoch nun direkt beim Endkunden angekommen. Wenn man als Kunde feststellt, dass der deutsche Zwischenhändler den Preis eines im asiatischen Raum hergestellten Produktes hier in schwindelerregende Höhe treibt, dann wird man zwangsläufig die Möglichkeit nutzen 90% zu sparen. Ich sehe da keine andere Entwicklung.

Ist es verwerflich? Unmoralisch? Die Herstellung des Produktes bleibt, so lange die produzierenden Länder nichts bei sich ändern, trotzdem billig. Ein deutscher Zwischenhändler oder im Grunde jeder Händler der in China produzierte Waren anbietet, existiert eigentlich nur, weil die Mehrheit der Deutschen bspw. AliExpress nicht für sich entdeckt hat. Es ist nicht sinnvoll alle Produkte nur noch dort zu kaufen. Aber ich glaube in Zukunft werden viele Leute darüber nachdenken einige Investitionen zu tätigen. In meinem Umfeld ist das Thema kein Tabu mehr. Man spricht nur nicht so laut darüber. Und der Postbote: “Ja, es wird mehr.”

Ist es moralisch verwerflich, wenn man aufgrund unseres Hungers beim Discounter eine Tüte mit 20 Chickenwings für 2,50 € kauft, statt beim Fastfoodriesen um die Ecke 4,99 € für 10 Stück auszugeben? Fastfoodkettenangestellte verdienen in der Regel weniger als Verkäufer*innen. Niemand würde uns das vorwerfen.

So lange es Produkte sind, die nicht in Deutschland produziert werden, trifft der Einkauf bei AliExpress, ähnlich wie bei Amazon, den Einzelhandel in unseren Geschäften und im deutschen Onlinehandel. Zusätzlich kommt das Zollproblem. Bei Amazon wurden Strafen angedroht, wenn die Steuern nicht abgeführt werden. Aber AliExpress? Wer soll sie aufhalten? Aber es sei auch die Frage gestattet: Hat der Einzelhandel ein Recht auf vorrangigen Verkauf an uns Kunden? Wenn ich mich dazu entscheide 1.000 € auszugeben statt 100 € garantiert mir niemand, dass die Verkäuferin endlich besseren Lohn erhält. In der Regel bekommt das Geld der Aktionär oder Eigentümer. Wenn ich 100 € ausgebe für etwas, das ich mir hier nie kaufen würde, weil es mir hier zu teuer ist, profitiert der asiatische Hersteller. Ohne ihn, wäre mein Geld auch nicht beim deutschen Händler gelandet.

Natürlich ist die Schwächung des Einzelhandels ein Problem. Gerade in Bezug auf Arbeitsplätze und Sozialversicherung und natürlich Steuereinnahmen. Aber wer Kapitalismus und Globalisierung will, der hat einen Preis zu zahlen. Vor allem, wenn er nicht bereit ist das System in dem wir leben nachhaltig zum Wohl Aller zu verändern.

Oder was meint Ihr? Eure Meinungen und Erfahrungen würden mich interessieren.

 

PS: In diesem Beitrag sind verschiedene Händler und Handelsketten genannt bzw. angedeutet. Es besteht mit keinem der Genannten ein Vertragsverhältnis. Alle Genannten sind Teil der Recherche.

PSPS: Dieser Beitrag ist keine Aufforderung in China einzukaufen.

 

 

Lesermeinung:

Patrick: Ich finde, dass wir schon die Verantwortung haben zu schauen wo, was und von wem wir kaufen. Leider hast Du aber recht. Wenn Du in China direkt kaufst, dann kaufst Du nur nicht das gleiche billige Produkt teurer bei einem Zwischenhändler.

Ein anderer Patrick: Ich kaufe öfter Jagdausrüstung und habe mir Produkte auf AliExpress angeschaut. Mehrheitlich hätte ich nicht wirklich viel gespart. Bspw. bei Pfeilen für Bogen oder Armbrust. Einige Produkte waren jedoch in China günstiger und es wurde mehr Masse angeboten. Bspw. Metallkugeln.

Gunter: Habe mich mal nach Werkzeug umgeschaut für mein Handwerk. Wenn in vier Wochen 90% Ersparnis bei mir eintrifft und die Qualität gut ist, schreibe ich Dir meine Erfahrungen. Erstmal positiv überrascht und ohne schlechtes Gewissen. Mein Großhändler holt es auch aus Fernost.

Brauni: Schöne Kinderklamotten. Ich bestelle schon lange bei AliExpress. Ich würde momentan den Einkauf dort empfehlen.

Silvi: Ich finde, dass Dein Artikel schlecht ist, weil er andere davon überzeugen könnte dort einzukaufen. Ich glaube nicht, dass die Qualität gut ist.

Maik: Kauf und Verkauf funktioniert nur, wenn nach dem ersten Einkauf der Preis nach oben geht. Unser Sozialsystem verlangt höhere Löhne. Also sind weit höhere Preis notwendig. Natürlich entscheidet der Kunde am Ende. Da wird ein globalisierter Markt wirklich zum Problem. Aber die meisten Leute kaufen doch nur günstig, weil das Geld nicht reicht und gemessen an der Kaufkraft bei uns keine Spielräume in der Masse mehr sind. Du kennst doch Afrika. Dort sind die Löhne weit niedriger. Aber, wenn Du 150 € im Monat verdienst und es schaffst die Hälfte davon zurückzulegen, kannst Du Dir nach zwei Jahren in der Regel einen Acker (4000m², Anmerkung kowabit) kaufen. Drei Jahre weiter hast Du ein Haus durchaus auch im westlichen Stil. Vielleicht nicht in den Großstädten aber Richtung Land auf alle Fälle. Das Gleiche hast Du in Thailand oder Indonesien. Für unser System ist AliExpress schlecht. Aber wir haben es selbst verschuldet. Wir akzeptieren geringe Löhne und wundern uns über das Billigshoppen. Ich habe keine schlechtes Gewissen. Mach kaputt was Dich kaputt macht. Hoffe das war nicht zu viel.

Anmerkung kowabit: Acker + Haus. Stimmt.

Anonym: Wenn wir an Freihandel denken, dann wird es für die Innenstädte wohl in Zukunft noch schlechter.

Anonym 2: Nicht alles was Du bei AliExpress kaufst, kommt aus China. Manches auch aus Thailand, Philipinen oder Indonesien. Die Absender auf den grauen Paketen sind da aussagekräftiger als alles auf China abzuwälzen. Wir haben uns unsere Konkurrenz selbst geschaffen. Pech gehabt. Mir ist das auch vollkommen egal. Irgendwo habe ich heute gelesen, dass in Indien für Näherinnen 15 Cent pro Stunde gezahlt wird. Der Mindestlohn liegt in Inden dafür aber bei 1 $. Es liegt also auch an diesen Staaten die Rechte ihrer Bürger durchzusetzen.

 

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