2019, Blog

Warum #fridays4future scheitern wird

Ich weiß, es ist gemein. Wir werden seit gefühlt unendlichen Jahren von der selben Kanzlerin regiert und die Jugend, die niemand anderen kennt, beginnt zu demonstrieren. Fantastisch. Leider haben wir in unserem schönen Land vergessen, wie ziviler Ungehorsam und richtiges Demonstrieren geht, denn wir müssen nur alle miteinander reden. Dieses miteinander reden ist eine der schlimmsten Methoden den politischen Gegner auszustechen. Und das versuchen all jene Regierungsmitglieder und Politiker der Regierungsparteien, die den Kontakt zu den Jugendlichen suchen. Um zu reden. Doch der Zug ist tatsächlich schon lange abgefahren. Eine Protestkultur, die jedoch nur reden will und sich darauf einlässt, ist bereits gelähmt und hat verloren. #fridays4future ist nett. Mehr momentan aber auch nicht.

Erinnern wir uns an manche Schlagzeilen, wenn Journalisten fantasierten und davon sprachen wen Merkel wohl als ihre Nachfolgerin oder Nachfolger will? Man hätte in jeder Diskussion darauf hinweisen müssen, dass ein Kanzler seinen Nachfolger nicht bestimmt. Das machen andere. Nämlich ein gewähltes Parlament. Aber die Abwesenheit von demokratischer Vielfalt und eine schwache Opposition haben so ein schleichendes Erodieren demokratischen Grundlagenwissens ermöglicht. Die FDP hat keine Themen. Die Grünen schweigen sich neue Wählerschichten herbei ohne auch nur ansatzweise Zukunftsideen zu präsentieren. Hauptsache nett lächeln. DIE LINKE verliert wegen Orientierungslosigkeit und einem Richtungsstreit: Hippsterpartei oder Sozial. Die AfD hat bereits mehr Spendenskandal als Helmut Kohls CDU und müsste sich eigentlich gemessen an den eigenen Ansprüchen auflösen. Einziges Lichtblick auf dem Weg zur Europawahl ist DIE PARTEI. Man kann wenigstens lachen. Alle anderen sind zum Heulen.

Eigentlich sind demonstrierende Schüler da ein heller Stern am Horizont. Endlich wieder eine Jugendbewegung. Wozu lernen, wenn der Planet stirbt? Berechtigtes anliegen. Erwachsene kommen nicht darauf zu hinterfragen: Warum für schlechte Bezahlung arbeiten, wenn wir eh bald alle tot sind? Wäre Anarchie da nicht besser? Jugend hat immer den Vorteil die Nachteile der Erwachsenen, in gesellschaftlichen Zwängen zu leben, nicht alleine meistern zu müssen. Das machen die Eltern. Großeltern. Sobald es nach der Schule darum geht in Ausbildung oder Studium zu gehen, holen sie die Zwänge aber ein. Die meisten arrangieren sich. Keine Demonstrationen mehr. Lieber das Fußballspiel am Abend bei einem Bier oder shoppen mit den Freundinnen. Das eine Prozent, dass auch nach der Schule noch politisiert ist, hat aber auch Pech. Der Alltag holt auch sie irgendwann ein. Einfach aufhören im gesellschaftlichen Konsens mitzuschwimmen, ist aber keine Option. Sonst bleibt nur Obdachlosigkeit und Armut. Also lieber knüppeln und für Hungerlöhne arbeiten. Selbst Master-Abschlüsse bieten in vielen Bereichen keine Garantie auf ein gutes Einkommen. Ein noch kleinerer Teil bleibt politisch und ärgert sich, dass von der Mehrheit der Bürger*innen keine Unterstützung kommt, denn Politik funktioniert nicht so, wie sie wahrgenommen wird. Demonstrationen ändern nichts, sonst wären sie verboten.

Da die Mehrheit aufgegeben hat, sitzen da irgendwo in den Kommunen, Landkreisen, Landtagen, Bundestag und EU-Parlament Leute, die sich für das Politische interessieren. Ein paar Fachleute, ein paar Doofe, ein paar Karrieristen, die woanders keine Arbeit finden würden, zu viele Juristen und einige Korrupte. Manchmal auch Leute die zufällig auf einer Sitzung waren. Diese Leute brauchen Motivation, damit sie Änderungen von Tragweite beschließen.

  1. Ein Teil der Leute lässt sich durch Fachwissen und Argumentation überzeugen.
  2. Einem anderen Teil ist das Anliegen von Bürger*innen völlig egal. Die sind nur da. Denen muss man nur suggerieren, dass man sie toll findet.
  3. Ein dritter Teil versteht nur die harte Sprache: Mach was ich will, oder ich wähle die Konkurrenz und Du bist Deinen Posten los.

Letzteres kann man noch steigern. Nicht durch nette Demonstrationen. Erinnern wir uns an Port Package II. Kennt Ihr? Nein? Schade. Das war eine Hafenarbeiter Richtlinie, die vom EU-Parlament beschlossen werden sollte. Wie so üblich hätte sie Verschlechterungen bei der Arbeit der Hafenarbeiter bewirkt. Jedoch haben die Hafenarbeiter damals vor dem EU-Parlament demonstriert und waren kurz davor das Parlament zu stürmen. Straßenschlachten vom Feinsten. Hat kaum jemand mitbekommen. Politisch interessierte Personen schon. Das war in den letzten zwei Jahrzehnten tatsächlich das einzige Mal wo verantwortliche Parlamentarier Angst haben mussten. Da waren starke derbe Typen vor dem Tore. Gleichzeitig legten sie die Arbeit in den Häfen nieder. Es wirkte. Das mag jetzt gemein klingen und als Aufruf zu Gewalt, oder so ähnlich verstanden werden. Ist es aber nicht. Es zeigt nur, dass Politiker Entscheidungen auf völlig willkürlichen, zufälligen oder irrationalen Annahmen und Umständen treffen. Angst um die eigene Haut, Fachwissen, Fehlinformationen, Desinteresse, Ignoranz. Was auch immer. Sie treffen aber keine Entscheidungen, weil jemand nett ist und vor allem nicht, wenn er oder sie auch noch Recht haben. Niemals. Stellt Euch mal vor am 01.Juni des Jahres 2019 würden Personalräte in Pflegeheimen der Chefetage mitteilen, dass die Belegschaft beschlossen hat am 01.Juli in einen unbefristeten wilden Streik einzutreten und die Arbeit niederzulegen, bis die Löhne auf 18 € die Stunde erhöht werden für die unteren Einkommensstufen und natürlich die entsprechende prozentuale Anpassung für die anderen Einkommensstufen darüber nach oben, sowie der Pflegeschlüssel auf 1 Pflegekraft für max. 7 zu pflegende Personen verändert wird. Am 02.Juli wird es sich ändern, wenn so ein Streik in tausenden Heimen erfolgen würde, weil die Heimleitungen dann nämlich die Verwandten anrufen müssen, um ihnen mitzuteilen, dass sie zum Waschen, Füttern und zur Unterhaltung kommen müssen. Weil zu pflegende Personen aber keine Waren im Hafen sind, sondern Menschen, werden Pflegekräfte aus ihrer Menschlichkeit heraus natürlich diesen Konflikt nicht führen. Sie sind eben nett. Und genau deshalb werden sie ignoriert. Aber weiter mit den Freitagen.

Könnte #fridays4future Erfolg haben?

Ja. Dafür müssen sich aber die Bedingungen ändern.

  1. Die Eltern müssen überzeugt werden die Proteste, auch bei Sanktionen, weiter zu unterstützen.
  2. Die Großeltern müssen überzeugt werden die Proteste, auch bei Sanktionen und vor allem trotz schlechter Presse, zu unterstützen. Und Rentner und schlechte Presse sind ein hartes Brot.
  3. Die Lehrer, soweit möglich, müssen mindestens das Thema unterstützen. Unterricht unter freiem Himmel an einem Freitag bietet sich auch an.
  4. Die Demonstrationen dürfen nicht aufhören. Auch nicht: Jetzt ist mal gut. Irgendwann muss man wieder zur Schule. Macht man das, hat man verloren. Politik ist geduldig. Die wartet einfach bis die Youtubegeneration keine Lust mehr hat, weil niemand auf sie hört.
  5. Direktoren, die den Unterricht planen, können ja einfach mal versuchen alle Fehlstunden auf den Freitag zu legen. Da sollte die Viertage-Woche kein Problem sein.
  6. Die Forderungen müssen erweitert werden, so dass eine Mehrheit sie mittragen würde. Beispielsweise:
    • Ausstieg aus der Kohle ist kein Problem für die Mehrheit.
    • Saubere (Verbrennungs)Motoren und bessere Katalysatoren zwangsweise für jede Neuzulassung. Die Technik ist da.
    • Verbot von Plastikverpackungen und Ersatz durch kompostierbares Material. Alles bereits möglich.
    • Reduzierung des Fleischkonsums.
    • Kostenfreier ÖPNV, höhere KfZ-Steuern für Autos mit gehobener Leistung, inklusive 20% Luxussteuer für Autos ab 30.000 € Kaufwert.
    • Änderungen bei der EEG-Umlage. Also die künstliche Verteuerung von Ökostrom. Ökostrom sollte davon vollständig befreit werden. Stattdessen sollte fossile Energieproduktion mit dieser Umlage radikal verteuert werden, die dann wiederum den Ökoproduzenten zu Gute kommt. Effekt: Wenn alle auf Ökostrom umsteigen und fossil immer geringer wird, normalisiert sich der Strompreis automatisch. Ist der Markt gesättigt, hört auch der Aufbau unsinniger Anlagen auf.
    • Konsum einschränken.
    • Keine Produkte von energieintensiven Industrien kaufen, soweit möglich.
  7. Derartige Forderungen und noch mehr müssen auf Sitzungen kommunaler Parlamente vorgetragen werden. Durch Fragen, Anregungen und vor allem persönliches Erscheinen. Immer wieder. Regelmäßig. Veränderung kann nur von unterster Ebene kommen. Die Eltern müssen mitmachen. Die Großeltern. Und alle müssen überzeugt werden keine Parteien zu wählen, die die letzten zwanzig Jahre regiert, aber nichts getan haben. Nur das wird etwas ändern. Email-Aktionen, Onlinepetitionen etc. sind alles Unsinn und interessieren Niemanden im politischen Geschäft.
  8. Auch der Umgang mit Klimaleugnern etc. ist möglich. Ernsthaft. Die meisten Kritiker gehen den Weg den menschengemachten Klimawandel zu leugnen. Was kaum jemand leugnet, sind die Klimaveränderungen. Also kann man sich darauf einigen, den Fakt der Ursache nicht weiter als Streitthema zu besetzen. Sondern Maßnahmen zu ergreifen, um unseren Anteil am Schutz der Umwelt, des Planeten, der Tierwelt und an der Menschheit zu leisten. Allein aus gesundheitlichen Gründen. Bedeutet, dass wir alle menschengemachten unnatürlichen Eingriffe stoppen, abmildern und verhindern, um warum auch immer auftretenden Klimaveränderungen entgegenzuwirken und unser Leben zu retten. Dazu zählt der künstliche CO2-Ausstoß, die Verpackungsmüllkrise, falsches Konsumverhalten und anderes. Technisch sind wir bereits in der Lage all das abzufedern, ohne auf unseren Luxus zu verzichten.
  9. Um Eltern und Desinteressierte auf seine Seite zu ziehen, ist es sinnvoll zur Reduzierung zwei weitere Dinge zu fordern. Für die Eltern!
    • Eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. Weniger Verkehr.
    • Recht auf 3 Tage Heimarbeit pro Woche wo es möglich ist. Weniger Verkehr, mehr Zeit für Familie. (Und, das sagen wir aber nicht öffentlich, weil Konservative, Sozialdemokraten und andere Rechte das nicht wollen: Mehr Zeit für demokratisches Engagement!)

Alles möglich.

Wir Menschen können eine Menge tun. Nicht nur selbst. Desinteressierte können ermuntert werden. Die Entscheidungsträger benötigen Druck. Ich erinnere an Doof, Desinteressiert und Korrupt. Konsumverweigerung ist wichtiger denn je. Und die, die etwas ändern wollen, müssen den Mut haben nicht aufzuhören und die Kraft besitzen und erlernen Niederlagen hinzunehmen.  Die Änderung des menschlichen Verhaltens beinhaltet aber auch die Veränderung des Wahlverhaltens. Daran scheitert es in der Masse jedoch in der Regel. Geringe KfZ-Steuern oder Autobahnen ohne Tempolimit sind meistens persönlich wichtiger. Und erst die Ausländer. Und erst die Kommunisten. Und überhaupt. Soll erst mal alles so bleiben wie es ist. Mutti macht es schon. In fünf Jahren kann man ja nochmal schauen.

Die Reaktion einiger Politiker beweist aber bereits, dass sie nervös werden. Die Forderung nach Bußgeld und Strafen für Schulschwänzer, wie sie der grüne Ministerpräsident in BaWü gefordert hat, oder die grundsätzlichen Forderungen nach Strafen seitens der AfD, zeugen davon, dass der Weg der Richtige ist. Denn wer diese Forderungen aufstellt muss zwei Dinge einkalkulieren: Entweder die Eltern knicken ein, oder die Eltern merken sich wer sie wieder schröpfen will. Aber hält die Youtubegeneration durch? Oder springt sie artig über das Stöckchen zurück ins Klassenzimmer?

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