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Wir sind Trolle!

Wie bezeichnet man das Aufeinandertreffen zweier Personen in einem Onlineforum bzw. Kommentarbereich, die geteilter Meinung sind, die Position des Anderen nicht tolerieren, Argumenten gegenüber nicht aufgeschlossen sind und alles daran setzen den Diskussionpartner herabzuwürdigen? Richtig: Der Aktualität wegen könnte das ein Aufeinandertreffen in einer NATO-EU-Ukraine-Russland-Diskussion sein. Der korrekte literarische Begriff (eingeführt durch kowabit): Korrespondierendes Trollen!

Jeder kennt das sicher. Man diskutiert in einem Forum oder Kommentarbereich ein Thema und jemand stört durch tatsächlich völlig bekloppte Aussagen. Das war in der Vergangenheit der Grund jene Teilnehmer schnell als Troll abzustempeln und anschließend zu ignorieren. Ab und zu wurde dann noch ein Seitenhieb verteilt. Ich kenne das seit ich online bin (ca. 1995). Ich war aber nie ein Troll! 🙂

Dieses Bild hat sich jedoch geändert. Mittlerweile wird der Begriff des Trolls von uns allen missbraucht. Wenn wir ein Thema diskutieren und feststellen, dass unsere Diskussionspartner eine andere Meinung haben, sind wir doch fast nicht mehr in der Lage die notwendige demokratische Toleranz zu zeigen. Wenn ich die Onlinediskussionen verfolge, die es zum Thema Ukraine gibt, dann endet es immer in einer Zuspitzung des Konfliktes. Also nicht nur des realen Konfliktes, sondern auch innerhalb der meinungsbildenden Diskussionen. Es betrifft aber jedes andere Thema auch. Alles nur unterschiedlich gewichtet. Das korrespondierende Trollen im Onlinebereich von Zeitungen oder in sozialen Netzwerken widerspricht unserer demokratischen Kultur dramatisch. Wenn ich mir vorstelle in einem kommunalen Stadtparlament bzw. Gemeinderat oder im Bundestag würden alle Diskutanten zum Troll werden, hätten wir jeden Abend in der Tagesschau Videoaufnahmen von Schlägereien in den Parlamenten. Übrigens etwas, was in der Ukraine oft vorkam/vorkommt. Darauf habe ich eigentlich keine Lust. Ein solches intolerantes Auftreten, das abwertende Formulieren, um den Diskussionspartner klein zu machen, ist eine Niederlage, die die Möglichkeiten demokratischer Partizipation über das Internet unterläuft. Viele Aktive in der Onlineszene sehen seit Jahren das Potential für politische Mitbestimmung im Internet. Aber, wenn wir innerhalb von Onlineplattformen noch nicht einmal tolerant miteinander diskutieren können, wie wollen wir dann demokratische Teilhabe online praktizieren?

In Parlamenten wird hart diskutiert und am Ende steht eine Abstimmung. Diese Abstimmung sollte dann in der Regel das Ergebnis der inhaltlichen Auseinandersetzung sein. Vielleicht ist innerhalb von Foren und Kommentarbereichen das Fehlen einer solchen Abstimmung auch ein Problem. Im Vergleich zur parlamentarischen Auseinandersetzung! Eine Diskussion ohne Ergebnis ist für mich im Grunde Zeitverschwendung. Aber wie bewerkstelligen? Eine Abstimmung über jeden Artikel? Das verbieten von Diskussionen? Nur Einzelmeinungen zulassen, aber Diskussionen moderieren (=verbieten)?

Mich interessieren in Zeitungen oft die Kommentare mehr als der Artikel, denn dort findet die inhaltliche Auseinandersetzung erst statt. Der Artikel ist doch nur ein Aufhänger. Einige Zeitungen haben aber seit oder während der Ukrainegeschichte Ihre Kommentarfunktionen mittlerweile sogar deaktiviert. Vielleicht, weil sie stellenweise die Diskussionen aufgrund fehlender Toleranz nicht mehr fair moderieren konnten, oder, weil die Meinung der Leser in ihrer Mehrheit eine völlig andere war, als die Autoren in ihren Artikeln vertreten haben. Ein Omen in Zeiten des Zeitungssterben? Ein Autorenschutz? Journalisten leben ja auch in ihrer eigenen unantastbaren Welt! Politiker sowieso! Eigentlich jeder von uns, oder? Dieses eigene Selbstbilddingens! Oder waren es tatsächlich bezahlte Putintrolle?

Selbst wenn, wäre das kein Grund sich aufzuregen. Warum? Weil es schlichtes Social-Network-Marketing ist! Vielleicht auch stellenweise Social-Media-Marketing! Eine aus den USA stammende Geschäftsidee ein eigenes Produkt über verschiedene Online-Kanäle zu vermarkten. Mittlerweile ist auch “die Meinung” ein Produkt, das es zu vermarkten gilt. Jede/r macht es, wenn er/sie etwas an den Mann/die Frau bringen will! Es ist einfach nur ein Geschäft! Auch ich könnte mir für eine Handvoll Dollar 1000 ReTweets kaufen. Hui! Marketing! Meine Meinung wäre gefragt! Und wenn nur ein einziger Wicht etwas gegen meine 1000-ReTweets sagt, wäre dieser eine Wicht der Troll. Chancenlos! Dabei bin ich dann aber auch ein Troll. Ich hätte einfach 1000mal rumgespamt und noch Geld dafür ausgegeben. Zurück zum Trollen …

Wenn ich mir manche Onlinediskussionen anschaue, wäre es interessant zu wissen, was passieren würde, wenn alle Forenteilnehmer in einem realen Raum sitzen würden. Na? Ich glaube ich weiß es! Sie würden alle ein bisschen netter sein und anders miteinander umgehen. Also machen wir das doch auch online! Dann könnten die Zeitungen wieder ihre Kommentarbereiche öffnen und die Autoren auf der Gehaltsliste der NATO (Das war jetzt der Putintroll!) bräuchten sich keine Sorgen, um ihre Zeitung machen, wenn sie denn ein bisschen auf ihre Leser hören würden. Die Russen würden wieder deutsche Autos kaufen, was Arbeitsplätze sichert (Das war jetzt der CDU-Pro-Wirtschaftstroll!). Arbeit bedeutet Einkommen, bedeutet soziale Sicherheit, Steuereinnahmen, Rettung des Sozialstaates, höhere Renten und Sozialleistungen (Das war jetzt der Linke-Troll!). Und das alles bedeutet wir könnten uns wieder um so wichtige Sachen wir Mülltrennung kümmern, damit der Müll aus getrennten Sammelbehältern mit getrennten Transportfahrzeugen zur gleichen Verbrennungsanlage gefahren wird (Das war jetzt der Klimawandelverschwörungstroll!). Und ganz am Ende könnte uns die SPD wieder mit unwichtigen Themen belästigen, oder die friedlichen und sozialen Errungenschaften kaputt machen … (Das war der Verräterpartei-Troll!)

Ach Scheiße! Bloß nicht wieder das …. Haut Euch doch um die Ohren was Ihr wollt! Trollt Euch bis die Finger bluten! Labert Euch zu! Reagiert Euch ab! Manipuliert Onlineumfragen und provoziert was das Zeug hält! Das ist nunmal das Internet! Das ändert sich nicht! So war es schon immer! Wer es kontrollieren will den möge ein Shitstorm erschlagen! Lebt dort aus was woanders nicht geht! Lebt mit dem was dort passiert! Akzeptiert das, was, wie auch immer passiert! Ihr könnt es nicht verhindern! Das Internet ist Anarchie!

Schaltet den Kopf aber genau dann ein, wenn es im realen Leben wichtig und notwendig ist, um Anderen das Leben nicht schwer, oder kaputt zu machen. Übrigens auch bei der Frage nach Krieg und Frieden! Dann habt Ihr alles richtig gemacht! Ihr widerlichen Trolle!

:c)

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